Mittwoch, 28. Juli 2010

DER TUCHHASSER VON DER TANKSTELLE


Ich bin auf Mission. Ich möchte meiner Freundin Maya Deutschland zeigen. Maya ist halb französisch, halb amerikanisch-japanisch, hat überall und irgendwie gelebt, spricht neben Englisch, Französisch und Japanisch auch Swahili, trägt ein Kopftuch und studiert mit mir in London. In den vielen Stunden, die wir bei mir im Zimmer herumphilosophierten, erzählte ich ihr von Deutschland. Jetzt will sie es selbst sehen.

In Hamburg trinken wir Tee vor einem linksalternativen Café. Auf der Straße spielt Musik, die Menschen sind freundlich, die Sonne scheint. Kinder rasen auf Skateboards vorbei, Menschen jeder Hautfarbe sitzen um uns herum. Maya nippt Früchtetee. Und ich sage: "Das ist aber nicht Deutschland."

Nächster Stopp: Berlin. Dort angekommen, flüchten wir vor der Sonne in die vielen Allerlei-Läden mit Kissen, Vasen und Musik aus Afrika und Asien. Zu viel orientalistisches Klischee und exotisierend dazu. Schön finden wir es trotzdem. Am Ende der Straße quetschen wir uns in einen Foto-Automaten und ziehen Grimassen. Als das Schwarz-Weiß-Bild endlich kommt, sage ich Maya: "Weißt du, das ist nicht Deutschland."

Auf dem Kottbusser Türkenmarkt bleibt Maya vor einem kleinen Stand mit Schmuck und Ölbildern der Massai stehen. Der Besitzer, ein Massai in traditioneller Kleidung, unterhält sich mit ihr auf Swahili. Da kommt eine eine Weiße dazu und schiebt ihren Kinderwagen hinter den Stand. "Meine Frau und Tochter!", sagt der Verkäufer. Maya lächelt und wir verabschieden uns. "Aber das ist nicht Deutschland", erkläre ich. Maya nickt.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir auf einem Festival in der Nähe von Köln, dem "Sufi Soul Festival". Muslime aus ganz Europa sind angereist. Maya und ich liegen auf einer Decke in Bühnennähe und genießen die Trommelmusik. Wir treffen Freunde aus London, lernen andere Menschen kennen. Ein deutsch-irakisches Mädchen zum Beispiel, sie möchte Musiktherapie studieren. Dann unterhalten wir uns mit einem japanisch-britischen Pärchen, das durch die Weltgeschichte reist - auf der Suche nach einem Platz zum Leben. Andalusien wird es wohl werden. Im Auto kommt mir Maya zuvor: "Das ist nicht Deutschland, ich weiß", sagt sie und lacht.

An der nächsten Tankstelle steht Maya an der Kasse, um Shampoo zu kaufen. "4,50 Euro!", sagt der Mann, ein Mittvierziger. "Nein, 3,50!", sagt Maya auf Englisch. So stehe es auf dem Regal. Der Mann flucht und murmelt etwas von Kopftüchern und Ausländern. Ich springe Maya bei. Er schaut mich wütend an. Er habe Besseres zu tun, zischt er. Vor dem Regal sehen wir: Maya hatte recht. Das Shampoo kostet 3,50. Doch der Kassierer gibt nicht auf. "Das ist falsch!", sagt er und nimmt alle Shampoos aus dem Regal. Die stünden nicht zum Verkauf. Außer natürlich, wir würden 4,50 bezahlen. Machen wir natürlich nicht.

Im Auto fragt Maya: "Ist das Deutschland?" Genervt will ich "Ja" sagen, dann denke ich an die vergangenen Tage und möchte mit "Nein" antworten. Ich zögere. Und sage dann: "Das alles zusammen, das ist wohl Deutschland."

taz, Tuch-Kolumne, 21.07.2010


Samstag, 10. Juli 2010

ZAHNRÄDER


Wochenlang saßen wir im Skype-Kämmerchen und planten und organisierten. Ich saß mangels häuslichen Internets in der Londoner Uni-Bibliothek, setzte mich in eine laute Arbeitsecke (weil ich anderswo ja nicht reden darf). Aber weil es bei mir viel zu laut war, musste immer auf "Stumm" drücken, wenn ich den anderen Konferenzteilnehmern gerade nichts mitzuteilen hatte. Doch ich wollte eigentlich immer etwas sagen. Teufelskreis. Schwere Zeiten. Ich saß da also mit Kopfhörern in einer Ecke und sprach in einer "really ugly and harsh" Sprache mit meinem Laptop und erntete irritierte Blicke von meinen Londoner Kommilitonen.

Heraus kamen: "Zahnräder" - Netzwerk junger muslimischer Köpfe. Eine Idee, die anfangs im Kopf von Ali und mir schwirrte. Wir sprachen miteinander, infizierten die Ayse und so kamen immer mehr wirklich tolle Menschen, die die gleiche Idee hatten, zusammen. Ein Hirngespinst fand seinen Weg in die Realität. Schritt für Schritt.

Seit einer Woche läuft nun die erste Bewerbungsfrist für die Initiative. Unser Ziel ist es junge, engagierte und aktive Muslime zusammenzubringen. Sie sollen sich austauschen, voneinander lernen, Visionen entwickeln und erste Schritte tun, um diese zu realisieren. Dabei ist es irrelevant welcher islamischen Strömung man angehört, welchem Verein oder welcher Organisation. Das Individuum und die Visionen - das ist uns wichtig.

Denn wir alle spürten irgendwann in unserem Leben den Bedarf andere aktive junge Muslime kennenzulernen. Menschen, die die gleiche Tatkraft fühlen, etwas bewegen wollen und einen wichtigen Beitrag für diese Gesellschaft leisten wollen. Menschen, die in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen aktiv sind. Genau diesen Bedarf soll "Zahnräder" nun versuchen zu decken. Wir wollen uns gegenseitig motivieren, inspirieren und helfen.

Ilhaam, eines unserer Team-Mitglieder, überzeugte uns alle von der Weltmetropole Wuppertal. So findet die Konferenz (im BarCamp-Stil) vom 24. bis 26. September in einer Wuppertaler Jugendherberge statt. Ich schreibe das ganz ohne Ironie (vom Weltmetropole-Satz mal abgesehen), Wuppertal ist wirklich toll. Vor allem die Stadthalle - ein Traum.

Aber zurück zum Thema. Bewerbt euch mit eurer Idee, eurer Vision! Am Ende der Konferenz werden nämlich Fördergelder von insgesamt 4.500 Euro vergeben!

So. Das war jetzt mein Totschlagargument. Wenn noch Fragen da sind, dann diese bitte in den Kommentaren stellen. Ich freue mich auf viele (neue) Gesichter, vor allem aus der Bloggerwelt.

Apropos: Ihr dürft die Veranstaltung gerne weiterpromoten. Das wäre großartigst! Und gibt bestimmt Pluspunkte im Gute-Taten-Register. Und hier: Zahnräder auf Facebook.

Und sonst so:

Die Kolumne fiel die letzten Male wegen der WM aus. Deshalb gab es keine bahnbrechenden Neuigkeiten aus der Tuch-Welt. Das wird sich bald aber ändern.

Damit verabschiede ich mich! Ahoi und Salams!


Montag, 28. Juni 2010

WAS MÖCHTEN SIE?



Was ich möchte? Ich möchte... ich möchte viel. Vor allem aber möchte ich nicht in eine Kategorie gesteckt und einfach abgestempelt werden.

Ich möchte in den Bundestag und unsere Bundeskanzlerin kurz bei einer Rede stören, um allen zu sagen, dass ich keine Terroristin bin, weil ich ein Kopftuch trage und Muslimin bin. Dass im Kuran nicht steht, dass wir unschuldige Menschen töten dürfen. Dass ich mein Kopftuch freiwillig trage und von keinem unterdrückt werde. Und das soll mir auch keiner versuchen auszureden.

Ich werde eine Aufklärerin. Ich bin frei und möchte frei bleiben. Ich werde eine freie Aufklärerin. Ich möchte Menschen zum Nachdenken bewegen. Sie sollen nicht alles glauben, was ihnen in den Medien gesagt wird. Wenn den Menschen etwas nicht passt, dann sollen sie auch etwas tun und nicht ständig darüber diskutieren. Ich will sie dazu bewegen. Ich werde eine freie bewegende Aufklärerin.

Dann werde ich Medizin studieren, um in Palästina und im Irak den Kindern zu helfen, die nichts für den Krieg, für den Kampf können. Ich werde eine freie helfende bewegende Aufklärerin.

Ich werde auch Mode machen. Mode, die zeigt, dass auch das Kopftuch schön ist. Ich werde kreativ sein. Ich werde eine freie kreative helfende bewegende Aufklärerin.

Und ich werde Mutter. Eine Mutter, die nie in Vergessenheit gerät, weil sie ihre Kinder so gut und liebevoll erzogen hat, dass sie in ihnen weiterlebt. Ich werde eine freie kreative helfende bewegende unsterbliche Aufklärerin.

Und ich werde Muslimin bleiben – so Gott es erlaubt. Ich werde – so Gott es erlaubt – eine freie kreative helfende bewegende unsterbliche muslimische Aufklärerin.

Ich war siebzehn Jahre alt, als ich diesen Text schrieb. Im Mai 2006 trug ich ihn in einem Literaturzentrum vor. Meine Träume und Ziele haben sich seither kaum geändert. Nur die Wege dorthin, die sind anders.

Heute bin ich 22 Jahre alt geworden.

Mittwoch, 16. Juni 2010

GARTEN MIT CHILLI

Das sind nicht alle.

Pfercht man eine britische Amerikanerin, eine amerikanische Bengalin, eine indische Kenyanerin, eine pakistanische Britin, eine britische Nigerianerin und mich in einen wunderschönen Londoner Garten, dann philo-diskutieren wir über Identitätsprobleme, Schuldkomplexe, Täterpsychologie, Radikalisierung und die Evolutionstheorie. Wir laufen barfuß und klettern auf Bäume. Oder liegen im Gras und üben Kanga-Bindetechniken. Und am Ende des Tages geben wir unser Essen Obdachlosen, um dann in der Bahn erschrocken zu erinnern, dass das verschenkte Gericht nicht nur scharf gewürzt, sondern auch in XXL-hot-Chilli-Soße getunkt war.

(Ich lächle hier gezwungen und unecht. Das hat den Grund, dass die Sonne volle Kanne auf mein Gesicht prallte und ich die Augen gerade so noch aufbekam.)

















Montag, 14. Juni 2010

Mittwoch, 9. Juni 2010

MIT DEM KLAVIER ZUR MUTTER JESU


Es ist dunkel. Ein bisschen violett, dann färbt ein blaues Licht die Bühne und die Silhouette einer Frau wird sichtbar. Sie trägt ein langes weißes Kleid und einen weißen Schal. Leise ertönt Geigenmusik, dann eine Querflöte, dann Klavier. Die Bühne erhellt sich und ich erkenne nun ein Gesicht. Die tiefschwarzen Haare sind zu einem losen Dutt zusammengebunden, prüfend schaut sie ins Publikum. Alia beginnt zu erzählen.

Klatsch! Rotes Licht flutet die Bühne. Mit Schwung schellt Alias Hand in die Höhe. Sie beschreibt, wie Abu Jehil mit voller Wucht Fatima schlug. "Vater der Ignoranz", so nennen Muslime diesen Mann, der Fatima, die Tochter des Propheten Mohammed, grundlos ohrfeigte, als er ihr zufällig auf der Straße begegnete.


Die Musik hält inne.

Alia schaut in das Publikum und lässt uns den Schmerz fühlen, den die kleine Fatima spürte. Wie sie ihre Tränen unterdrückte und mit erhobenem Kopf den Ort der Erniedrigung verließ.


Ich bin in einem Kulturzentrum im Osten Londons und höre mir traditionell islamische Geschichten zu westlicher klassischer Musik an. Alia, die Erzählerin, spricht von starken Frauen im Koran. Von der Jungfrau Maria und der Liebe, mit der sie ihren vaterlosen Sohn, den Propheten Jesus, aufzog.


Wir reisen viele Jahrhunderte zurück zu Asiya, der Frau des Pharaos, die das Kind vom Nil, den späteren Propheten Moses, bei sich aufnahm, ihn aufzog. Eine Frau, die für ihn und ihren Glauben viel ertrug. Und wir reisen zu Hatice, der erfolgreichen Geschäftsfrau und ersten Frau des Propheten Mohammed, die selbstbewusst dem Propheten einen Heiratsantrag machte.


Der Klang von Alias Stimme trägt meine Gedanken in einem Tagtraum fort. Zu meiner Freundin Myriam, einer quirligen französischen Britin: Als Kind eine Schauspielerin, setzt sie sich heute als Akademikerin und Journalistin für Frauen, den Islam und Gleichberechtigung ein. Sie ist direkt, ehrlich und schlagfertig. Genau wie Sultana, die hübsche Anwältin, die seit einigen Tagen auf Postern in ganz London zu sehen ist - als Teil einer Kampagne gegen Islamophobie in Großbritannien.


Da ist Hacer, die alleinerziehende Mutter von drei Söhnen, die sich gegen ihren Exmann durchsetzte und heute auf eigenen Beinen steht. Da sind die beiden Schwestern, die sich dem Kopftuchverbot an türkischen Universitäten nicht beugen wollten und heute in England ohne Eltern und Bekannte ein neues Leben aufbauen und studieren. Und da ist …


Klatsch! Wieder ist Alias Hand oben. Dieses Mal war es Abu Jehil, der perplex dastand und nicht wusste, wie ihm geschah. Fatima hatte sich beim Stammesführer beschwert. "Führ mir genau vor, was vorgefallen ist", bat er. So ging das kleine Mädchen zurück zu Abu Jehil und schlug ihm ins Gesicht. Nicht aber die Ohrfeige schmerzte Abu Jehil, sondern von einem kleinen Mädchen vor seinen Stammesleuten bloßgestellt zu werden. Von der kleinen Fatima wusste man seitdem, dass sie Ungerechtigkeit nicht duldet. Von den muslimischen Frauen heute sollte man auch noch mehr hören. Es wäre schön, wenn das kein Traum bliebe.


taz, Tuch-Kolumne, 09.06.2010

Montag, 31. Mai 2010

IN OUR THOUSANDS IN OUR MILLIONS - WE ARE ALL PALESTINIANS!












London, 31st of May, Emergency Flotilla Demonstration, from Downing Street to the Israeli Embassy

Today I woke up terrified by what I saw on the news. My heart stopped beating, my eyes filled with tears of mourning. A crime so obvious, a murder so obvious, a terrorist act so obvious - so obvious, I thought. But I was full of anger when I realised that major German and English papers and channels failed to capture the gravity of the situation. This was not Israel defending itself, these were not Israeli Soldiers in danger - this was Israel attacking, murdering and terrorising people of peace; these were heavily armed Israeli Soldiers killing people who did not have anything but knives and rods to defend themselves with.

Then I found myself on the streets shouting "Free, free! - Palestine!" - until I lost my voice. I may be quite for a while, but not silent, that is for sure. And I open my hands:

May God help our brothers and sisters suffering,
struggling and searching for peace in Palestine, Turkey and everywhere around the world. May God give us strength and wisdom to come to a peaceful solution to this tragedy. May God help our Israeli brothers and sisters who have turned their back to their communities and families to devote their life for peace. May our struggles be rewarded - if not in this, then in the afterlife. May those beloved brothers and sisters who were today stolen from their lives, rest in peace. May God grant those who died the highest station in paradise, may He give comfort to their families. My thoughts are with all those victims of blunder, whether it be Palestinian, Jewish, Muslim, Arab, Christian or otherwise. May there come swift and change in a peaceful and honourable way. V'imru Amen, Amen and Ameen.